Gia van den Akker

Bühnen-Eurythmistin

Djenna Storm

Eurythmie-Dozentin

Berpke van Oers

Eurythmie-Dozentin

Chantal Heijdeman

Eurythmie-Dozentin

Vincent Harry

Eurythmie-Dozent

In dieser Zeit der Bildschirme und Computer wird es uns leicht gemacht viele Dinge zu tun und alles mögliche gleichzeitig. Aber Geschwindigkeit und die Menge bewirken, dass das Erleben oberflächlich bleibt. Die Eurythmie-Bewegungen können ein wichtiges und tiefgehendes Gegengewicht bieten.’

 

Wie es Wieger gelang, als 32-Jähriger seinen Beruf zu ändern und was es genau mit dem Tiefgang der Eurythmie auf sich hat, erzählt er uns in einem offenen Gespräch am Kamin in seinem mit Naturmaterialien eingerichteten Wohnzimmer.

 

Kannst du etwas davon erzählen, wie dein Leben aussah, bevor du die Eurythmie entdeckt hast?

Wieger: ‘Wenn ich zurückblicke, habe ich ziemlich lange nichts gemacht. Als ich 23 Jahre alt war, wurde mir erst bewusst, dass ich in dieser Welt etwas bedeuten könnte. Als ich darüber nachdachte, wie ich das machen könnte, landete ich bei Yoga und Astrologie. Ich gründete eine gut laufende Yoga-Schule, die mir eine ganze Zeit viel Erfüllung gab. Als ich so um die 30 war, merkte ich jedoch, dass das Teetrinken und die Treffen nach dem Unterricht wichtiger wurden als der Unterricht selbst. Es wurde mir immer deutlicher, dass die Entspannung, die die Menschen in meinem Unterricht fanden, zeitlich begrenzt war. Es störte mich, dass ich ihnen nichts Bleibendes geben konnte. Ich ließ auch einige feste Yoga-Rituale fallen, da ich darin keinen Sinn mehr sah. Im Vergleich zu anderen Yoga-Dozenten war ich zu dieser Zeit ziemlich revolutionär, ich nannte mein angepasstes Yoga yoga 2000.

Inzwischen hatte ich eine Familie mit zwei Kindern, die dann auch irgendwann auf die Waldorfschule gingen. Und so kam ich zum ersten Mal mit Eurythmie in Berührung. Ich verstand mich gut mit der Eurythmie-Lehrerin, die mich irgendwann einmal zu einer Eurythmie-Vorstellung einlud. Die Vorstellung schlug ein wie eine Bombe: Ich habe zwei Stunden atemlos zugeschaut. Ich sah, wie Formen zu Bewegungen wurden und das beeindruckte mich sehr. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich Eurythmie studieren wollte.

In erster Instanz jedoch nicht, um die Welt zu retten oder anderen Menschen zu helfen. Ich wollte vor allem etwas in mir selbst verändern, mich weiterentwickeln, und das ging am besten mit einem Eurythmie-Studium.’

Die allererste Eurythmie-Aufführung, die Wieger Veerman sah, schlug bei dem damals 32-Jährigen ein wie eine Bombe. Kurz danach änderte er sein Leben radikal. Er wurde Eurythmie-Dozent und später auch Heil-Eurythmist. Gut zwanzig Jahre später schwärmt Wieger immer noch von seinem Beruf: ‘Eurythmie gewinnt immer mehr an Aktualität.

Interview mit Wieger Veerman

Wie hast du es geschafft, ein zweites Studium zu absolvieren?

‘Wir hatten ein Haus mit einer Hypothek, zwei halbwüchsige Kinder und ich hatte keinen Anspruch auf Studienfinanzierung mehr. Mir war jedoch auch bewusst, dass ein Eurythmie-Studium das Ende der Yoga-Schule bedeutete. Wir würden folglich eine Zeit lang mit sehr wenig Geld auskommen müssen. Ich habe es auch meiner Frau Gaby zu verdanken, dass ich mein Eurythmie-Studium durchziehen und abschließen konnte. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Über die Iona-Stiftung und monatliche finanzielle Unterstützung von vielen Freunden und Bekannten, gelang es, das Studium zu finanzieren. Die Studienzeit war eine sehr intensive und mit Sicherheit keine einfache Zeit für unsere Familie. Ich hatte ein Zimmer in Den Haag und sah meine Familie nur noch am Wochenende. In den Semesterferien arbeitete ich als Leiharbeiter in meinem früheren Beruf, der Pflege. Im zweiten Studienjahr machte ich ein Praktikum an einer Waldorfschule und war begeistert. Erst dann war ich mir sicher, dass ich das zu meinem Beruf machen wollte. Nach fünf Jahren, ich war damals 39, hatte ich meinen Abschluss als Dozent Tanz/Eurythmie.’

 

Und was hast du nach deinem Abschluss gemacht?

‘Ich konnte als Fachlehrer Eurythmie an der Waldorfschule in Bussum, Niederlande, arbeiten. Als Eurythmie-Lehrer fühlte ich mich wie ein Fisch im Wasser. Ich habe dort sieben Jahre gearbeitet. Außerdem habe ich wieder Erwachsene unterrichtet, nur jetzt Eurythmie. Viele ehemalige Yoga-Kursteilnehmer sind mir vom Yoga zur Eurythmie gefolgt. Wenn ich jetzt darauf zurückblicke, ist das schon etwas sehr Besonderes.

Später habe ich dann noch ein Teilzeitstudium zum Heil-Eurythmisten absolviert. Das ist möglich im Anschluss an das Studium Dozent Tanz/Eurythmie. Es schien mir großartig,  Erwachsenen und Kindern in meiner eigenen Praxis helfen zu können. Als ich das Studium abgeschlossen hatte, habe ich – mit 48 Jahren – meine eigene Praxis für eröffnet. Vom ersten Tag an wusste ich: Das ist, was ich immer gewollt habe!’

 

Mit welchen Beschwerden kommen Menschen zu dir?

‘Das kann alles mögliche sein. Im Laufe der Jahre habe ich mich auf einige Gebiete spezialisieren können, zum Beispiel Dyslexie, Augenprobleme, Hypersensibilität und Gebissprobleme.

Es ist beeindruckend, was man beispielsweise durch gezielte Arm- und Beinbewegungen bei der Entwicklung des Gebisses verändern und korrigieren kann. Bei Kindern geht das einfacher als bei Erwachsenen, manchmal werden Zahnspangen, die ziemlich drastisch in die Entwicklung eines Kindes eingreifen, überflüssig.

Ich behandele viele sogenannte hypersensible Erwachsene und Kinder in meiner Praxis. Mit Heileurythmie kann ich viel für sie tun. Bei Erwachsenen arbeite ich regelmäßig mit sogenannten Konstitutionsbehandlungen, was eine Art  innere Schulung und Harmonisierung ist. Oftmals sind das mehrere Blöcke im Jahr von 7 bis 8 Behandlungen. Ich begleite Menschen oft mehrere Jahre und es ist beeindruckend zu sehen, welche Entwicklungen sie durchlaufen.’

 

Wie sieht dein Arbeitsleben jetzt aus?

‘Im Moment arbeite ich zwei Tage pro Woche an der Waldorfschule in Deventer, Niederlande und dann noch zwei Tage in meiner eigenen Praxis. Am fünften Arbeitstag gebe ich schon seit vielen Jahren Laienkurse für Erwachsene. Mit den Kursen möchte ich die, wie ich sie nenne, künstlerisch-hygienische Eurythmie für jeden zugänglich machen. Menschen werden in meinen Kursen in ein pflegendes Kunst-Bad getaucht. Ich nenne es außerdem hygienische Eurythmie, weil man sich mit Eurythmie von innen ‘säubern’ kann, wodurch man seine Balance wiederfindet. In meinen Kursen nehmen Menschen ihren Körper und die Lebensprozesse, die sich darin abspielen, wieder bewusster wahr. Die Gruppen sind schon seit Jahren voll, es gibt selbst eine Warteliste von einigen Monaten. Ich genieße die Abwechslung zwischen der pädagogischen Arbeit mit Klassen an der Waldorfschule und der individuellen therapeutischen Arbeit in meiner Praxis. Das ist sehr erfrischend. Das Umschalten hält mich wach und aufmerksam.’

 

Kannst du umschreiben, was es ist, das Eurythmie für dich so wertvoll macht?

‘Rudolf Steiner sah voraus, was Menschen des 20. und 21. Jahrhundert brauchen würden und er ist insofern genial gewesen, als dass er uns in dieser Zeit die Eurythmie gegeben hat. Eurythmie ist gewissermaßen genau die Antwort auf die Entwicklungen die wir als Menschen in diesem, ich sage mal ‘oberflächlichen Computerzeitalter’ durchlaufen. Mit meinem Fach kann ich Menschen erleben lassen, was der Unterschied zwischen vor dem Bildschirm sitzen und Eurythmie ausüben ist. Als Gegenpol zum heutigen ‘Multitasking’, bei dem sie vollständig nach außen gerichtet sind, lasse ich Menschen auch mehrere Dinge gleichzeitig tun, zum Beispiel einen Rhythmus laufen, etwas mit den Armen tun und dann gleichzeitig eine Bewegungsqualität daran geben. Und dann frage ich sie auch noch nach ihrer Wahrnehmung dabei. Das kann eine tiefgehende physische Erfahrung sein, die eine heilende Wirkung haben kann. Das Innehalten bei der Aktualität der Eurythmie in unserer schnellen virtuellen Welt sehe ich als tägliche Herausforderung. Wenn Kinder mich fragen, warum Eurythmie gut für sie ist, sage ich oft: Gymnastik stärkt den Körper und Eurythmie die Seele.’

 

Wieger Veerman hat nach dem Studium Dozent Tanz/Eurythmie noch ein Teilzeitstudium zum Heil-Eurythmisten absolviert. Weitere Informationen finden Sie hier: www.euritmietherapie.nl

 

 

Interview: Petra Essink

Fotografie: Hapé Smeele

Wenn Kinder mich fragen, warum Eurythmie gut für sie ist, sage ich oft: Gymnastik stärkt den Körper und Eurythmie die Seele.’
Es wird uns leicht gemacht, alles mögliche gleichzeitig zu tun. Aber die Geschwindigkeit bewirkt, dass das Erleben oberflächlich bleibt. Eurythmie kann ein wichtiges und tiefgehendes Gegengewicht bieten.